Karnak-Tempel

last update: 08.12.2013

Grundriss von Ip.t-Sw.t ("Auserwählter Ort", heute Karnak; modifizierter Plan nach Larché, 2007) zur Zeit von Hatschepsut und Thutmosis III.;
in Rot die "Rote Kapelle", hier in der aktuell diskutierten Position zwischen den Magazin- und Opferräumen der Hatschepsut;
in Gelb der 6. Pylon, in Grün der 5. Pylon, und die Violett der 4. Pylon;
in Braun vor dem 4. Pylon der "Große Festhof" des Thutmosis II.

Das Zentrum des Tempels des Amun-Ra in Karnak erstreckt sich vom 4. Pylon nach Osten bis zum Festzelt (Akh-menu) des Thutmosis III. (das sich im oben gezeigten Grundriss direkt im Osten - oben - an den zentralen Bezirk anschließt). Für heutige Besucher ist dieser Teil der Anlage sehr unübersichtlich, da weite Bereiche zerstört sind und man jenseits der großen Säulenhalle von Sethi I. bzw. Ramses II. praktisch durch Ruinen läuft. Darüber hinaus wurde der Tempel in der 18. Dynastie mehrfach von Grund auf umgebaut. Eine aktuelle Übersicht über die Entwicklung des Tempels findet sich bei Sullivan (2010).

Der erste unbestrittene Beleg für die Existenz eines Tempels für Amun-Ra in Karnak stammt aus der Zeit Antef II. aus der 1. Zwischenzeit in Form einer 8-eckigen, beschrifteten Sandstein-Säule, die sich heute im Luxor-Museum befindet. Die später in Karnak wiederverwendete Säule trägt eine Widmungsinschrift des Königs, der einen Tempel für"Amun-Ra, Herrn des Himmels" errichtet hat (Foto rechts, oberer Teil der Säule mit dem Namen Amun-Ra - Ra vorangestellt und mit Uraeus; Foto: Autor). Laut Gabolde (Gabolde, L., Le Grand Chateau d'Amon de Sesostris 1er à Karnak. Paris 1998, S. 112) wurde die Säule im Flur "du texte de la jeunesse" von Thutmosis III. verbaut aufgefunden.

Hinweise auf einen noch älteren Tempel ließen sich bisher nicht zweifelsfrei bestätigen, insofern muss man - bis neue zweifelsfreie Belege vorliegen - davon ausgehen, dass vor der 1. Zwischenzeit kein Tempel für Amun-Ra in Karnak existierte.

 

 

 

Der erste große Bauherr war Senwosret I. (= Sesostris I., 2. Pharao der 12. Dyn.) im Mittleren Reich (MR), von dessen Bau stammen die Granitschwellen - aus Rosengranit - des zentralen Ganges, die heute noch auf dem weitgehend leeren Platz zwischen dem Barkensanktuar und dem Festzelt des Thutmosis III. zu sehen sind (folgendes Foto).

Blick vom Barkensanktuar des Philippos Arrhidaios aus dem Ende des 4. Jhd. v. Chr. zum Festzelt des Thutmosis III. Auf der zentralen West-Ost-Achse des Tempels liegen hier noch die Granitschwellen der alten Tempelanlage aus dem MR und der Thronsockel des Amun aus Kalkstein.


Plan des Tempels von Senwosret I. (aus: Gabolde, Carlotti, Czerny, 1999); die schwarzen Blöcken stellen die Überreste der Granitschwellen dar, das gestrichelte Viereck im Säulenhof die im Boden entdeckte ältere Plattform. Links oben der rekonstruierte Platz des Amun-Throns.

Der Tempel des Senwosret I. imponierte (auf der Westseite) mit einem Portikus mit je 6 Pfeilern vor jedem Seitenflügel (siehe unten; Zeichnung aus: Gabolde, Carlotti, Czerny, 1999). Vor jedem Pfeiler stand eine osiride Figur Senwosrets.


Dieser Portikus wurde spätestens unter Hatschepsut abgerissen als sie die Magazinräume und die Rote Kapelle - beides wird zusammen auch als "Palast der Maat" bezeichnet - errichten ließ. Die beeindruckende Fassade ließ sie allerdings in ihrem Totentempel in Deir el-Bahari wieder auferstehen - wobei auf jeder Seite die Zahl der Pfeiler verdoppelt und die der osiriden Figuren auf jeweils 13 erhöht wurden.
Die Position des Thrones des Amun in dem Plan des Tempels von Senwosret I. beruht allerdings nur auf der Annahme, dass Thutmosis III. mit dem Akh menu diesen Tempel kopiert hat - und auch dort steht der Thron in einem Raum in der nord-östlichen Ecke des Tempels.

Senwosret I. überbaute seinerseits bereits eine ältere Tempelanlage des Amun aus den Anfängen des MR wie der Fund einer großen steinernen Plattform im Boden zeigt.
Die Überreste dieser rund 10 m langen und 8 m breiten Plattform aus mindestens 2 Lagen von Steinblöcken wurden auf der westlichen Seite des Mittleren Reich-Hofes, d.h. zwischen den Kammern der Hatschepsut und den Granitschwellen des Senwosret I., im Boden entdeckt. Diese Plattform könnte in der Zeit von Amenemhat I. entstanden sein. Gabolde, Carlotti, und Czerny (1999) vermuten, dass diese Plattform einen kleinen Tempel getragen hat und verweisen hierbei auf den Kleinen Tempel des Amun in Medinet Habu, der offensichtlich auch auf einer solchen Plattform begonnen wurde. Die Lage der Plattform wird heute wieder im MR-Hof durch eine entsprechende Steinlage angedeutet.
Beim Bau dieser Plattform wurden Sand- und Kalksteinblöcke eines älteren Bauwerkes, das vermutlich in die Anfänge des Mittleren Reichs (siehe hierzu -> Mentuhotep Nebhepetre -> Karnak) zu datieren ist, wiederverwendet.

Ansicht der westlichen Seite des MR-Hofes mit Blick auf das zentrale Sanktuar und die Kammern der Hatschepsut. Vor dem Eingang zum Sanktuar zeichnet sich im Boden die Plattform aus dem Mittleren Reich ab.

Nach den Pharaonen des MR war das thebanische Fürstengeschlecht der 17. Dynastie in besonderer Weise Amun verpflichtet, der sie nach langen Kämpfen zum Sieg über die Hyksos führte, und somit zur Wiedervereinigung des Reiches. Folgerichtig leiteten sie und die Herrscher der folgenden Dynastien die Legitimation ihrer Herrschaft von Amun ab und bauten die, aus dem Mittleren Reich stammende, bescheidene Tempelanlage Amuns repräsentativ aus. Der älteste und heiligste Bereich aus der Anlage der Mittleren Reiches wurde dabei in die neue Anlage unverändert integriert.

Amenhotep I. vergrößerte die Anlage. In den Steinmagazinen von Karnak finden sich über 800 dekorierte und 500 Blockfragmente aus Kalkstein, die von den Anlagen Amenhotep I. stammen. Die Blöcke und Fragmente wurden bereits in der Antike von seinen Nachfolgern abgetragen und als Füllmaterial wiederverwendet, so z.B. im 7. Pylon und in den Fundamenten des Akh-menu errichtet von Thutmosis III., im 3. Pylon und in den Bauten von Amenhotep III. in Karnak-Nord (Graindorge, 1999). Nur dieser Wiederverwendung ist es zu verdanken, dass die Blöcke in späterer Zeit nicht den Kalksteinräubern zum Opfer fielen.
Die Rekonstruktion anhand der Blöcke ergab eine groß angelegte Tempelanlage, die dem Heiligtum des MR vorgelagert war (der folgende Grundriss zeigt die Tempelanlage nach der 2. Ausbauphase; nach Carlotti entnommen aus Graindorge, 1999). Darüber hinaus zeigte sich, dass Amenhotep I. offensichtlich eigene Bauten abreißen und durch neuere ersetzen ließ.

Plan des Tempels von Amun-Ra nach den Umbauten unter Amenhotep I. (aus: Carlotti, 1998).

In der ersten Ausbauphase lässt Amenhotep I. vor der Anlage aus dem MR ein Barkensanktuar mit zwei Schirmmauern (Nummer 4 in der obigen Abbildung) errichten, auf der Südseite des Hofes werden 11 Kapellen erbaut (rechts von Pos. 4 als Position 1 eingezeichnet).

Die 2. Ausbauphase war deutlich ambitionierter. Die 11 Kapellen auf der Südseite des Hofes werden umgebaut und auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes durch vergleichbare Kapellen ergänzt (Pos. 1). Die Schirmmauern (4) um das Sanktuar werden umgebaut und durch zwei Mauern mit je 8 Nischen  (5) mit den Hofseiten verbunden. Die Nischen waren wahrscheinlich nach Osten ausgerichtet und enthielten Königsstatuen. Die Ziegelmauer um den Tempelteil aus dem MR wurde durch eine Kalksteinmauer ersetzt (7). Hinter den südlichen Kapellen wurde ein Schlachthof als offener Hof angelegt (10).
Nach Westen wurde eine ca. 7 Meter hohe Mauer mit einem zentralen Tor erbaut (6, 8, 9), hier entstand später der 6. Pylon. Weiterhin werden alle aus dem MR stammenden Ziegelmauern in diesem Bereich niedergerissen und als Abschluss des Tempels ein weiteres, mehr als 10 m hohes Tor (12) auf der Höhe des heutigen 4. Pylon errichtet. Noch weiter westlich ließ Amenhotep I. eine exakte Kopie der "Weißen Kapelle" (CB= Chapelle Blanche) des Senwosret I. (Sesostris I.) genau gegenüber der "Weißen Kapelle" selbst errichten. In der Ecke süd-westlich von CB baut er schließlich noch die sogenannte Alabasterkapelle (wiederaufgebaut im Open-Air-Museum, Karnak).

Die Bauten von Amenhotep I. standen nicht lange. Dass Blöcke schon unter Thutmosis III. und später unter Amenhotep III. als Füllmaterial verwendet wurden, bedeutet wohl, dass sie schon in dem Zeitraum von Thutmosis I. bis Hatschepsut abgebaut worden waren. 

Die Baumassnahmen von Thutmosis I., Nachfolger von Amenhotep I., im Amun Tempel von Karnak hatten große Auswirkungen auf die Bauaktivitäten der folgenden Pharaonen.
Auf der Westseite des Tempels ließ Thutmosis I. ein monumentales Eingangstor, den 4. Pylon bauen und gleichzeitig etwas weiter nach Osten einen kleineren Pylon, den 5. Pylon. Die beiden Pylone wurden auf der Nord- und der Südseite mit einer Mauer verbunden, so dass ein großer Hof entstand.
Die Entwicklung dieses Hofes in der Zeit von Thutmosis I. bis Hatschepsut wird auf einer separaten Seite vorgestellt -> Wadjit-Halle.

Weiter westlich ließ Thutmosis I. vor dem 4. Pylon die ersten beiden Obelisken aufstellen, die für den Tempel des Amun gestiftet wurden. Einer dieser beiden Obelisken ist heute noch an seinem Platz. Baumeister Ineni, verantwortlich für die Arbeiten, berichtet in seinen Grab (TT81) über das Aufstellen beider Obelisken. Am Ende umrissen insgesamt 17 Obelisken den heiligen Bereich von Karnak (paarweise aufgestellt fanden sich: vor dem 4. Pylon 2 von Thutmosis I., ebenfalls vor dem 4. Pylon 2 von Thutmosis II. /Hatschepsut, 2 von Hatschepsut zwischen dem 4. und 5. Pylon, 2 weitere von ihr im Osten des Amun-Tempels, hinter dem Akh-menu, 2 von Thutmosis III. zwischen vor dem 4. Pylon, zwischen den Paaren von Thutmosis I. und II., und ein weiteres Paar vor dem 7. Pylon, 2 von Amenhotep III. - im Month-Bezirk von Karnak -, und 2 von Ramses II. im Osten von Karnak, im Tempel "Amun, der die Gebete erhört"). Zusätzlich war im Tempel des Amun-Ra-Horakhti ein singulärer Obelisk - der Lateranobelisk, angefertigt von Thutmosis III, aufgestellt von Thutmosis IV. - das Zentrum der Verehrung (Bell, 1999, Habachi, 2000).

Obelisk (Höhe: 20 m; Gewicht: 143 t) von Thutmosis I. vor dem 4. Pylon im Karnak-Tempel mit Baukran aus jüngerer Zeit

Aus der Zeit von Thutmosis II. finden sich wenige Spuren im Zentrum des Amun-Tempels von Karnak. Westlich des 4. Pylons ließ er offensichtlich einen weiteren Pylon errichten, so dass ein großer "Festhof" entstand, der die Obelisken seines Vaters umschloss. Auf der Südseite hatte der Festhof einen Eingang in Form eines kleinen Pylons. Dieser Pylon und spätere Einbauten von Thutmosis IV. wurde abgerissen, um Platz für den die Erbauung des heutigen 3. Pylon von Amenhotep III. zu schaffen. Gabolde (1993) fand Überreste der Bauten, die als Füllmaterial im 3. Pylon verwendet worden waren.
Thutmosis II. ließ auch zwei Obelisken aus Rosengranit anfertigen, die im Festhof vor den Obelisken seines Vaters aufgestellt werden sollten. Die beiden Sockel liegen unter dem 3. Pylon. Vermutlich starb der König jedoch, bevor sie aufgestellt wurden. Erhaltene Teile mit Inschriften dieser Obelisken belegen, dass sie ursprünglich für ihn angefertigt, aber von Hatschepsut mit eigenen Inschriften versehen ihrem Vater gewidmet worden sind.
Bei den vielen Ausgrabungen in Karnak kamen zahlreiche Bruchstücke ans Tageslicht, die aus der Zeit von Thutmosis II., Hatschepsut, und Thutmosis III. stammten. Mehrere Kalkstein-Blöcke wurden bei der Ausgrabung der Cachette im Hof vor dem 7. Pylon gefunden, wo sie im Fundament verbaut worden waren. Gabolde (2005) hat die zahlreichen Fundstücke untersucht und daraus die Existenz von 4 aus Kalkstein errichteten Bauwerken in Karnak abgeleitet - das "NTrj mnw = Göttliches Monument", eine kleine "Nischenkapelle", die dem Kult mehrerer Mitglieder der königlichen Familie gewidmet war, eine "(Barken?-)Kapelle/Sanktuar", und schließlich eine kleine, nur bruchstückhaft erhaltene Kapelle. Die Analyse der mit flach-erhabenen Reliefs dekorierten Blöcke ergab, dass diese Bauwerke den Zeitraum der Wandlung der Großen Königlichen Gemahlin, des Gottesweib des Amun, Hatschepsut zur Regentin für Thutmosis III. und abschließend zur "Herrin der Beiden Länder Maat-ka-Ra" reflektieren - ein Zeitraum, der bisher eher dürftig in den Monumenten dokumentiert ist.
Diesen Bauten, von denen das "NTrj mnw = Göttliches Monument" zurzeit am Eingang zum Open Air-Museum des Karnak-Tempels durch das CFEETK rekonstruiert wird, ist eine eigene Seite gewidmet.

Von dem ganzen Tempelteil aus dem Mittleren Reich, zwischen dem Barkensanktuar bis zur Umfassungsmauer im Osten, ist praktisch nichts erhalten. Wahrscheinlich waren die Bauten von Amenhotep I. und die seiner Vorgängern bereits zur Zeit des Thutmosis III. baufällig, konnten aber möglicherweise aus religiösen Gründen nicht abgerissen werden, weshalb Thutmosis III. neue Bauten im Anschluss im Osten im an die alten Tempelanlagen errichten ließ.

Heutiger Blick vom Festzelt (Akh-menu) des Thutmosis III. auf die Rückseite des Barkensanktuars von Philippos Arrhidaios und die Kammern der Hatschepsut; rechts hinter dem Barkensanktuar steht der Obelisk der Hatschepsut, von dem des Thutmosis I. ist links nur die Spitze zu erkennen; auf dem hier liegenden freien Platz befanden sich früher die mit Kalkstein errichteten Tempelbauten aus dem MR bzw. die des Amenhotep I.

Die Ruinen zwischen den Magazinen der Hatschepsut (in denen Thutmosis III. nach dem Abriss der vor ihnen erbauten Roten Kapelle ein neues Barkensanktuar einbauen ließ) und dem von Thutmosis III. errichteten neuen Räumen im Osten der Anlage (Akh-menu, etc.) wurden in spätrömischer Zeit von Kalksteinräubern abgetragen - daher findet sich dort heute ein relativ freier Platz (siehe Bild oben).

Nach ihrem Vater hat Hatschepsut den Tempelbezirk gewaltig umgestaltet. Mit Sicherheit lassen sich folgende Erweiterungen bzw. Umbauten, die in der Regierungszeit der Hatschepsut erfolgten, identifizieren (alle auf einer eigenen Seite dargestellt):
- die Rote Kapelle - als zentrales Sanktuar vor den Magazin- und Opferräumen erbaut
- Magazin- und Opferräume - der Gebäudekomplex rechts und links der Roten Kapelle (auch als "Kammern der Hatschepsut bezeichnet), der den alten zentralen Teil mit dem Barkensanktuar und den Kapellen von Amenhotep I. ersetzt
- Wadjit-Halle - Hatschepsut ließ die Halle ihres Vaters umbauen und das zweite ihrer Obeliskenpaare in der Halle aufrichten
- zwei Obeliskenpaare, das erste im Osten des zentralen Tempels, das zweite in der Wadjit-Halle zwischen dem 4. und 5. Pylon
- 4 kleine Gebäude lassen sich darüber hinaus in die Jahre des Überganges von Thutmosis II. zu den ersten Regierungsjahre seines Sohnes, Thutmosis III., mit Hatschepsut als Regentin für den jungen König datieren


Die Bezeichnung "Palast (Großes Haus) der Ma'at" für den Gebäudekomplex aus Roter Kapelle und Magazinräumen geht lt. El-Sayed Hegazy und Martinez (1993) zurück auf einen Architrav von Thutmosis I. zurück (der aber in dem Artikel nicht lokalisiert oder näher beschrieben wird). Hiermit steht möglicherweise in Zusammenhang, das Thutmosis I. in einer Variante seiner Gold-Namen auf das "Grosse Haus der Ma'at" verweist: "aA-pHtj wsr-xpS wAD-rnpwt-m-hwt-aAt-MAat = Mit großer Kraft und reichlicher Schlagkraft, mit gedeihlichen Jahren im großen Haus der Ma'at" (Beckenrath, 1999, S. 134; Schneider, 2002, S. 289).
 


Die letzte große bauliche Veränderung des zentralen Tempels erfolgte unter Thutmosis III. Zwischen dem 5. Pylon und den Gebäudeteilen der Hatschepsut wurde ein weiterer kleiner Torbau - der 6. Pylon - eingefügt. Die Rote Kapelle der Hatschepsut wird, da sie den Bauten des Thutmosis III. im Wege steht, abgebaut. Thutmosis III. baut als Ersatz ein neues Barkenheiligtum (an dieser Stelle befindet sich heute ein Barkenschrein aus griechischer Zeit, erbaut zwischen 323 - 317 v. Chr. von Philippos Arrhidaios). Dazu muss er die zentralen Räume in den "Kammern der Hatschepsut" aufbrechen und die Querwände entfernen. Soweit wie möglich stellt Thutmosis III. die hierarchische Struktur der zentralen Bauten so wieder her, wie sie von Amenhotep I. geplant worden war.
Zwischen Sanktuar und dem neuen kleinen Torbau wurde ein Vestibül von je sieben Säulen auf beiden Seiten des Durchgangs errichtet. Hier haben wahrscheinlich auch die beiden Obelisken des Thutmosis III. gestanden, die im 7. Jahrhundert von den Assyrern erbeutet wurden.

Bei weiteren Umbauten unter Thutmosis III. wurde auch der Säulensaal - die "ehrwürdige" Wadjit-Halle - zwischen 4. und 5. Pylon (siehe Grundriss oben) überdacht. Dabei wurden die beiden Obelisken der Hatschepsut bis zur Dachhöhe eingemauert, was heute noch oben auf dem Foto am dunkleren unteren Teil des Obelisken erkennbar ist.
Als Begründung wird angegeben: "Es habe, als die Halle noch ohne Decke war, einmal so geregnet, dass man 2 Wochen (also ca. 20 Tage) gebraucht habe, um das Wasser wieder hinaus zu schöpfen."
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Dennoch wird dieses Einmauern der beiden Obelisken der Hatschepsut häufig im Zusammenhang mit Rachegedanken gesehen. Hier darf man allerdings darauf hinweisen, dass Thutmosis III. - wie andere Pharaonen vor und nach ihm - keinerlei Probleme damit hatte, Bauten der Vorgänger abzureißen, wenn sie die eigenen Pläne störten. Einen Rachegedanken kann man daraus nicht zwingend ableiten.


Der oben abgebildete Kalksteinblock wurde 1930 von den französischen Ausgräber H. Chevrier in Karnak gefunden. Der Block gehört zu einer abgerissenen Kapelle - möglicherweise von Thutmosis II. (Aa-cheper-en-Ra) -, von der nur sehr wenige Fragmente erhalten sind. Die ursprüngliche Position der Kapelle in Bezirk von Karnak und ihr Aussehen sind unbekannt, heute befindet sich dieser Block im Museum in Luxor (Photo: M. Jennrich).
Die dargestellte Szene zeigt Hatschepsut, die Wein (in den runden Gefäßen) vor Amun-Ra opfert, eine Szene, die dem Herrscher vorbehalten ist. Sie trägt hier die hohe Atef-Krone (königliche Doppelfederkrone, mit Sonnenscheibe und Widdergehörn), die den Pharao mit dem Sonnengott assoziiert. Ansonsten ist die Darstellung aber typisch weiblich, mit dem langen Kleid, das bis zu den Füßen reicht, und der fast geschlossenen Fußstellung. Die dargestellte Frau wird jedoch eindeutig durch die Titel als "König von Ober- und Unterägypten" und "Herrin der zwei Länder", "Maat-ka-Ra" identifiziert. Dies deutet daraufhin, dass sie trotz der ansonsten weiblichen Darstellung bereits den entscheidenden Schritt hin zum Thron gemacht hat.


Neue Hypothese zur Entwicklung des Tempel am Beginn der 18. Dynastie
Die obige Darstellung der Entwicklung des zentralen Bereiches des Karnak-Tempels entspricht der traditionellen Ansicht über der historischen Abläufe.
In Bezug auf die Baumassnahmen während der frühen 18. Dynastie hat Larché vor einigen Jahren eine neue Hypothese auf Basis der Ergebnisse der jüngsten Ausgrabungen im Tempel vorgestellt (Larché, F., Nouvelles observations sur les monuments du Moyen et du Nouvel Empire dans la zone centrale du temple d'Amon. Cahiers de Karnak XII, 2007, S.407-496; Larché, F., A Reconstruction of Senwosret I's Portico and of Some Structures of Amenhotep I at Karnak. CHANE 37, 2009, S. 137 - 173). Die neuen Ausgrabungen in den Jahren 2005-2006 durch das CFEETK im Zentrum von Karnak waren nach der Senkung des Grundwassers durch das Luxor Dewatering Projects möglich geworden. Diese neue Hypothese weicht an einigen Stellen radikal von den bisherigen Vorstellungen ab.
Nach seiner Hypothese:
- war der ursprüngliche Tempel aus dem Mittleren Reich (MR) vermutlich nach Osten ausgerichtet (e. g. Larche 2009, S.9 ff). Amenhotep I. änderte die Ausrichtung des Tempels von Ost nach West (möglicherweise, weil die Verbindung zum Nil(-arm) auf der Ostseite des Tempels verloren ging).
- wurde der von Sesostris I. erbaute MR-Tempel schon von Amenhotep I., spätestens aber von Thutmosis I. (und nicht erst von Hatschepsut) abgerissen, den Thutmosis I. verwendete Fragmente der Kolonnade von Sesostris I. im Fundament seiner eigene Kolonnade im Hof des 5. Pylons (e. g. Larché 2009, S. 17).
- wurden der 4. Pylon und die Wadjet-Halle (traditionell Thutmosis I. zugeschrieben), das erste Obeliskenpaar vor dem 4. Pylon (dekoriert im Namen Thutmosis I.), sowie ein Vorläufer des 3. Pylons und der benachbarte Festhof (beide werden traditionell Thutmosis II. zugeschrieben) alle von Hatschepsut erbaut.
- erfolgte die Einfassung ihrer Obelisken (die in der Wadjet-Halle aufgerichtet worden waren) schon unter Hatschepsut (und nicht erst im Zuge ihrer Verfolgung unter Thutmosis III.) - vermutlich aus technischen oder kultischen Gründen (Larché 2007, S. 458ff). 
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Copyright: Dr. Karl H. Leser (Iufaa)